Wer meine Insta-Story verfolgt, wird Freitag und Samstag meine Begeisterungsstürme mitbekommen haben. Denn am 28. Juli war es endlich soweit und wir sind nach Tecklenburg gepilgert, um ein Musical zu sehen, das mich absolut überwältigt hat. Gemeint ist der Klassiker Rebecca, der noch bis zum 09. September auf der Freilichtbühne in Tecklenburg aufgeführt wird. Wen nur die Rezension interessiert, der möge nun einfach herunterscrollen, denn die Vorgeschichte wird etwas länger.

© Andre Havergo | Freilichtspiele Tecklenburg

Vorgeschichte

Denkt man an Musicals, ist Rebecca vielleicht nicht das Erste, was einem in den Sinn kommt. Ich kannte es auch nur vom Titel her, als ich gesehen habe, dass es dieses Jahr im Tecklenburger Sommerprogramm aufgeführt wird. Da ich gerade auf der Suche nach einem guten Geschenk für meine Schwiegermama war und wusste, dass sie Tecklenburg mag, habe ich mir kurzerhand ein, zwei Lieder angehört. Das Ergebnis? Pure Begeisterung! Denn bis dato wusste ich nicht, dass Pia Douwes eine der tragenden Rollen spielt. Wem der Name jetzt nichts sagt, der hat wirklich etwas verpasst, denn Pia gehört für mich zweifellos zu den grandiosesten Musicaldarstellerinnen und ist bis heute meine liebste Elisabeth. Kurzum: einmal Pia gehört, Karten gekauft und monatelang gefreut.

© Andre Havergo | Freilichtspiele Tecklenburg

Freilichtspiele Tecklenburg

Wie ich Freitag gelernt habe, ist es eine Schande, Tecklenburg als Musicalfan nicht zu kennen. Denn schon seit 1992 werden dort regelmäßig, seit 1995 sogar jährlich Musicals aufgeführt. So waren unter anderem bereits Evita, Les Misérables, Jesus Christ Superstar, der Schuh des Manitu oder Joseph and the Amazing Technicolor Dreamcoat auf der Bühne zu sehen. Stets mit einem Ensemble, das jede Theaterproduktion, die ich kenne, in den Schatten stellt. So standen am Ende rund 85 Personen auf der Bühne, dazu ein 28-Mann starkes Orchester. Allein vom Anblick her ein Bild, das ich so schnell nicht mehr vergessen werde.

© Stefan Grothus | Freilichtspiele Tecklenburg

Die Bühne selbst ist ein weiteres Highlight. Wer bei Freilichtspielen an eine Konzertwiese denkt, der wird von Tecklenburg überwältigt sein. Denn wie der Name verrät, handelt es sich tatsächlich um eine alte Burgruine, in die das Theater gebaut wurde. Schon 1924 wurde Wilhelm Tell auf diese Bühne gebracht und seitdem hat sich die Location immer weiter entwickelt. Heute sind die meisten Plätze überdacht, Licht und Akkustik sind ausgereift und das ganze Feeling ist einmalig. Einziges Manko sind die unbequemen Holzbänke mit ihren sehr schmalen Plätzen. Erfahrene Tecklenburger sind dafür gewappnet und pilgern mit Sitzkissen, Picknickkorb und Sekt durch die Altstadt. Deshalb auch meine unbedingte Empfehlung: flache Schuhe, bequeme Kleidung und Kissen mitbringen! Niemand geht hier im schicken Abendkleid hin.

© Andre Havergo | Freilichtspiele Tecklenburg

Handlung

Wir schreiben das Jahr 1926. Die junge „Ich“ reist mit ihrer Ziehmutter Mrs. van Hopper nach Monte Carlo und soll lernen, sich wie eine wahre Lady zu verhalten. Dabei weckt sie das Interesse des kürzlich verwitweten Maxim de Winters. Nachdem die beiden etwas Zeit miteinander verbracht haben, verlieben sie sich, heiraten und reisen gemeinsam zu Maxims Landsitz Manderley. Doch was die frisch vermählten de Winters dort erwartet, droht ihre junge Liebe zu zerstören. Denn der Geist der verstorbenen Rebecca de Winter scheint noch immer über Manderley zu herrschen.

© Andre Havergo | Freilichtspiele Tecklenburg

Rezension

Schon die erste Minute zieht jeden Zuschauer in ihren Bann. Milica Jovanovic betritt in strahlendem Orange die Bühne und wird schon bald von mehr als 60 Schattengestalten umringt. Einige von ihnen werden uns das ganze Stück über begleiten, denn sie gleichen den Nachteil aus, den eine Freilichtbühne mit sich bringt: keine Decken, kein Stauraum, keine Möglichkeit, aufwendige Bühnebilder vorm Zuschauer zu verstecken. Deshalb werden bei Rebecca Darsteller zu Teilen des Bühnenbilds und sorgen damit für den ein oder anderen Lacher – ohne lächerlich zu wirken.

Die nächste Person, die uns begegnet, ist die schrille Mrs. van Hopper, gespielt von Anne Welte. Bislang kannte ich die Darstellerin nicht, aber dank Rebecca werde ich ihren Namen so schnell nicht mehr vergessen. Anne Welte überzeugt sowohl schauspielerisch als auch gesanglich und sorgt für einige Highlights am Abend. Ebenso wie Maxim de Winter, der von keinem Geringeren gespielt wird, als von Jan Ammann – mein Lieblingsgraf von Tanz der Vampire. Mit stolzer Haltung und makellosem Aussehen nimmt er die Bühne sofort für sich ein und lässt damit das Spiel zwischen ihm und der hübschen „Ich“ beginnen. Nach einem gemeinsamen Frühstück fahren sie zum Strand und hier hören wir zum ersten Mal Jan Ammanns unglaubliche Stimme. Mein erster Gänsehaut-Moment an diesem Abend – und nicht mein letzter.

© Andre Havergo | Freilichtspiele Tecklenburg

Denn kurz nach der Hochzeit lernen wir Mrs. Danvers kennen. Gespielt von Pia Douwes ist sie die Haushälterin auf Manderley und trägt maßgeblich dazu bei, dass der Geist von Rebecca noch immer über dem Landsitz schwebt. Spätestens in ihrem ersten Solo „Sie ergibt sich nicht“ hat man die Thematik des Musicals erfasst und spürt Mrs. Danvers Trauer und Stenge in jeder Silbe. So überrascht es wenig, dass sie der neuen Mrs. de Winter unterkühlt begegnet und diese nie vergessen lässt, dass Rebecca eine wahre Lady war. Charmant, gebildet, unglaublich schön und eloquent.

© Andre Havergo | Freilichtspiele Tecklenburg

Die düstere Stimmung kehrt im Verlaufe des Musicals immer wieder, wird jedoch von heiteren Sequenzen aufgelockert. So musste das ganze Publikum lachen, als Mr. de Winters Schwester Beatrice und deren Mann die Bühne betreten und das Stück „Die lieben Verwandten“ zum Besten geben. Egal, in welche Richtung man im Publikum geschaut hat: es gab überall jemanden, der sich mit dem Text identifizieren konnte. Dass man die Szene richtig genießen konnte, lag auch an der tollen Stimme von Roberta Valentini (Beatrice), die ich bislang nur in der Rolle der Elisabeth kannte.

© Heiner Schäffer | Freilichtspiele Tecklenburg

Während mich der erste Akt begeistert hat, hat mich der Zweite überwältigt. Nach der Pause lag die Bühne im Dunklen und die Lichttechnik konnte ihre volle Wirkung entfalten. Scheinwerfer, Taschenlampen, Leuchtrakete, Lichteffekte in den Bäumen, am Rand die Burgmauern. Zur Mitte hin dann mein liebstes Lied („Mrs. de Winter bin ich“), in dem Milia Jovanovic und Pia Douwes nicht hätten besser sein können. Nicht unerwähnt bleiben soll auch das restliche Ensemble, das eine Meisterleistung hingelegt hat. Jeder Schritt sitzt, der Chor klingt makellos und egal, auf wen man sich konzentriert: jeder ist ganz in seiner Rolle versunken. Von der ersten bis zur letzten Sekunde.

© Heiner Schäffer | Freilichtspiele Tecklenburg

Fazit

Wer Rebecca noch nicht kennt, bekommt in Tecklenburg die Möglichkeit, es mit Starbesetzung und Gänsehaut-Ambiente kennenzulernen. Es gab keinen Darsteller, der mich enttäuscht hat und auch keine Minute, die mich gelangweilt hätte. Suche ich nach Kritikpunkten, würde mir lediglich das spartanische Bühnenbild einfallen – verglichen mit einer Aufführung im geschlossenen Theater. Aber auch dieses Manko relativiert sich durch dir schwarzgekleideten Darsteller, sodass aus einem Defizit ein gewisser Charme wird.

© Andre Havergo | Freilichtspiele Tecklenburg

Alles in allem bin ich sehr froh, bereits Karten für eine zweite Vorstellung zu haben und kann es kaum erwarten, Rebecca noch einmal zu sehen. Einen kleinen Fanmoment gab es übrigens nach der Vorstellung, als Pia Douwes rausgekommen ist und einige Autogramme gegeben hat. Musicalherz glücklich, Fanherz glücklich, Franzi glücklich. Hier gibt es auch noch einmal den gesamten Spielplan für diesen Sommer. Weitere Infos findet ihr direkt bei den »Freilichtspielen Tecklenburg.

© Freilichtspiele Tecklenburg

Kennt ihr das Musical Rebecca bereits und wart ihr schon einmal in Tecklenburg? Und welches Musical
ist euer ganz persönlicher Favorit? Vielleicht habt ihr noch einen kleinen Geheimtipp für mich?

Liebe Grüße,