Wer mir auf »Instagram folgt, der weiß um meine Musical-Liebe. Schon während der Schulzeit habe ich selbst in einigen mitgespielt, alle Filme gesehen, die es zu sehen gab und natürlich die Broadway-Produktionen angeschmachtet. Aus der Ferne. Denn wer Musicals kennt, der weiß, dass sie kein Schnäppchen sind – im Gegenteil. Unter 100€ kriegt man selten gute Plätze. Also dauerte es noch einige Jahre, bis ich endlich ein Musical live gesehen habe. Dank meiner Patentante war Nr. 1 der Starlight Express in Bochum, gefolgt von König der Löwen, Elisabeth, Wicked, Mamma Mia und unzähligen anderen. Höchste Zeit eine Rubrik zu eröffnen, in der ich euch meine liebsten Stücke vorstellen kann. Den Anfang mache ich heute mit Mary Poppins.

© Stage Entertainment

Für mich ist Mary Poppins eine Figur, die mich meine ganze Kindheit über begleitet hat. Deshalb habe ich mich wahnsinnig gefreut, als mir meine Mama und ihr Verlobter zum Uniabschluss Karten für das Musical geschenkt haben. Und passend dazu den Film von 1964, den sicher jeder kennt. Was jedoch die wenigsten wissen: Schon 1934 erschien der erste Mary Poppins Roman, der sich leicht von dem Film unterscheidet. Das Musical ist wiederum eine gelungene Kombination aus beiden. Demnach gibt es für reine Filmfans hier und da eine gelungene Überraschung. Im Januar hieß es also: Mary Poppins Schuhe an, roter Lippenstift drauf und ab ins Stage Apollo Theater in Stuttgart.

Handlung

Im Londoner Kirschbaumweg 17 wohnt Familie Banks. Georg Banks, der ehrgeizige Bankangestellte und gleichzeitig Hausherr, seine Ehefrau Winifred Banks, die ihren Platz in der Gesellschaft sucht und die beiden Kinder Michael und Jane, die nur Blödsinn im Kopf haben. Nachdem sie mit fiesen Tricks ein Kindermädchen nach dem anderen vergraulen, schreiben sie einen Wunschzettel, der das perfekte Kindermädchen skizziert. Lieb soll es sein, hübsch anzusehen, niemals bös und natürlich gerne spielen. Als sie den Zettel ihrem Vater geben, verbrennt er die Liste und doch meldet sich kurz darauf die perfekte Kandidatin: Mary Poppins. Eine perfekte Haltung, immer adrett gekleidet und „völlig ohne Fehler“. Obwohl Michael und Jane am Anfang skeptisch sind, merken sie schnell, dass Mary etwas ganz besonderes in ihren Alltag bringt: einen Hauch Magie.

© Stage Entertainment

Rezension

Schon beim Betreten des Saals kommen die ganzen Kindheitsgefühle zurück, die man mit Mary Poppins verbindet. Feine Rauchschwaden steigen aus Schornsteinen auf der Bühne, dazwischen groß der Schriftzug „Mary Poppins“. Meine Mutter und ich setzen uns. Als es losgeht, habe ich sofort Gänsehaut. Wer den Film kennt, wird das Gefühl haben, plötzlich mittendrin zu sein. Bert, der sympathische Schornsteinfeger, holt uns direkt in den Kirschbaumweg und teasert mein Lieblingslied Chim Chim Cheree an. Ich sitze grinsend auf meinem Stuhl und lasse mir die Familie Banks vorstellen – allesamt den Filmfiguren aus dem Gesicht geschnitten.

Nachdem wir die Personen kennenlernen durften, öffnet sich das grandiose Bühnenbild oder anders formuliert: wer schon immer ein überdimensionales Puppenhaus sehen wollte, dem wird es den Atem verschlagen. Mit Wohnzimmer, Kinderzimmer, Küche, Treppe und Galerie gibt es alles, was zum Hause der Banks dazugehört. Immer szenenweise so umgebaut, dass es einen perfekt ins Geschehen holt. Ja, allein visuell ist Mary Poppins ein Spektakel, das ich jedem ans Herz legen kann. Von den Kostümen über die Effekte, das Bühnenbild bis hin zur Maske. In diesen Punkten stimmt wirklich alles.

© Stage Entertainment

Bei den gesanglichen Qualitäten hingehen scheiden sich die Geister. In einigen Rezensionen beschweren sich die Autoren, dass wir in Deutschland einfach keine ordentlichen Kinderdarsteller haben. Ich bin hingegen zwigespalten, denn wer auch nur zehn Minuten des Musicals gesehen hat, der weiß, was die Darsteller von Michael und Jane leisten müssen. Wir kennen es aus König der Löwen und Tarzan. Kinder, die im Laufe des Musicals heranwachsen und durch erwachsene Darsteller ersetzt werden. Aber bei Mary Poppins performen die Kinder von der ersten bis zur letzten Minute. Dabei müssen sie tanzen, reden und natürlich singen. Und auch wenn nicht jeder Ton sitzt, fühle ich mich gut unterhalten.

Außerdem sind da ja noch die erwachsenen Darsteller, die alle mit grandiosen Stimmen überzeugen. Elisabeth Hüberts „Völlig ohne Fehler“ ist makellos und wenn David Boyd als Bert mit „Chim Chim Cheree“ anfängt, gibt es eine Gänsehaut nach der anderen. Besonders beeindruckt hat mich allerdings Betty Vermeulen, die als unscheinbare Vogelfrau mit ihrem Lied für einen richtigen Wow-Moment gesorgt hat. Jennifer von Brenk hätte ich ebenfalls gerne noch öfter als Mrs. Banks gehört, denn trotz ihres niederländischen Akzents habe ich immer das Gefühl, der Frau gegenüberzusitzen, die schon in den Filmen mitgespielt hat. Genauso verhält es sich auch bei Livio Cecini als Mr. Banks.

Mein einziger Wehmutstropfen bei dieser Inszenierung ist die Storyline rund um Mrs. Banks. Wer den Film noch im Kopf hat, der erinnert sich vielleicht an die Suffragetten, die sich ab 1900 für die Frauenrechte stark gemacht haben. Diese politische und wie ich finde sehr starke Eigenschaft fehlt Mrs. Banks, sodass sie eher blass bleibt. Auch die Moral der Geschichte kriegt so einen leicht bitteren Beigeschmack, denn Winifred bleibt als Hausfrau zurück und kümmert fortan sich fortan ohne Hilfe um die Kinder. Ein starkes Frauenbild sieht anders aus.

Ich möchte von der Handlung selbst nicht zu viel vorwegnehmen, denn wer nur den Film kennt, den erwarten wie gesagt einige Überraschungen. Seien es noch unbekannte, sehr bunte Szenen, gruselige Albträume und neue Charaktere, die der Handlung mehr Tiefe geben. Und ja, hin und wieder sitzt man dann auch da und denkt sich: Wow, jetzt macht das Ganze noch viel mehr Sinn.

© Stage Entertainment

Fazit

Mary Poppins durfte sich nicht umsonst über die Höchstwertung in meinem Erinnerungsbuch freuen. Der Cast ist wirklich gelungen, das Bühnenbild fasziniert und die Lieder begeistern. Alles in allem kann ich es jedem ans Herz legen, der Mary Poppins kennt oder einfach nur Musicals liebt.

Wer das Stück noch in Stuttgart sehen möchte, sollte sich übrigens schnell entscheiden. Denn gerade jetzt gibt es im »Musical Sommer wieder super günstige Karten und schon im Januar zieht Mary weiter nach Hamburg. Einen weiteren Bericht findet ihr übrigens bei »Beautymango, die außerdem zwei Tickets verlost!

Habt ihr Mary Poppins schon als Musical gesehen oder kennt ihr noch nicht einmal den Film?
Und was haltet ihr generell von der neuen Kategorie auf dem Blog?

Liebe Grüße