[Gedanken]
Früher war das mal Rassismus


Eigentlich sollte heute das vierte Gewinnspiel meines Bloggeburtstags starten, aber ganz ehrlich: Ich habe keine Lust. Oder anders formuliert: Die Lust ist mir jedes Mal vergangen, wenn ich online gekommen bin, um zu bloggen. Denn jedes Mal gab es eine neue Eilmeldung. "LKW rast in Menschenmenge", "Attentat in Würzburg", "Amoklauf in München", "Macheten-Mörder in Reutlingen" - von den Berichten aus Osteuropa fang ich jetzt gar nicht erst an. Wer jetzt denkt, dass mir die Lust angesichts all der Grausamkeit, der Tode, der allgegenwärtigen Angst vergangen ist, der liegt allerdings daneben. Denn eines gleich vorweg: Ich weigere mich, Angst zu haben. Und ich weigere mich, diese Tode als grausamer zu empfinden als die der tagtäglichen Opfer in Kriegsgebieten. Ja, ginge es rein danach, würde ich an dieser Stelle weitermachen wie gewohnt und es würde dieses Posting nicht geben.

Was mich aber innehalten lässt, sind die Reaktionen der Onlinewelt. Ziehen wir mal ein paar Trolle ab und gehen davon aus, dass die Anonymität im Internet dazu verleitet, über die Stränge zu schlagen. Was bleibt, ist dennoch eine Mentalität, die in meinen Augen fern jeder zivilisierten Gesellschaft ist. Fremdenhass, Vorurteile, Spekulationen, Unwahrheiten. Dazwischen solch blutig triefender Sarkasmus, dass man ihn nicht einmal als Galgenhumor rechtfertigen kann. Bestes Beispiel: Twitter in den gestrigen Abendstunden. Der Mörder aus Reutlingen wurde gerade gefasst, da kursierte schon sein Bild mit dem Titel "Na, das ist doch ganz klar der Klaus-Dieter A.!" - ich verziehe den Mund. Eine zynische Spitze in Anlehnung an die Vorwürfe, alles Schlechte ginge von den Flüchtlingen aus. Man könnte es als Galgenhumor sehen, wäre da nicht der Beifall, der von allen Seiten kommt. Likes, Retweets, Dutzende applaudierende Kommentare, in denen man kein gutes Haar an Ausländern lässt. Früher war das mal Rassismus. Heute nennt man das Meinungsfreiheit.

Warum mich das so sauer macht, ist die fehlende Relation. Die Tagesschau hat in einem #kurzerklärt-Video ein paar Fakten zur Terror-Angst zusammengefasst - und dafür via Facebook gleich einen Shitstorm kassiert. Denn aus zwei Minuten Fakten bleibt nur eines hängen: "Es ist wahrscheinlicher an Essen zu ersticken, als an einem Terroranschlag zu sterben". Etliche bezeichnen es als geschmacklos, beides zu vergleichen. Die Sache mit dem Ersticken wäre schließlich selbstverschuldet - Sekunde. Dann suche ich mir jetzt aus, ob ich daheim an meinem Essen ersticke, wenn mir keiner helfen kann? Es steht außer Frage, dass hinter einem Anschlag grausame Absicht steht, während der Brokkoli versehentlich stecken bleibt. Aber das Ergebnis ist in beiden Fällen der unvorhergesehene Tod. Und nichts anderes wird in diesem Bericht verglichen. So viel zu dem, was hängen bleibt. Viel wichtiger ist aber, was der Bericht eigentlich aussagen möchte. Denn obwohl sich die Schreckensmeldungen häufen, wird es nicht "immer schlimmer". Grausamkeit gibt es schon seit Menschheitsbeginn - auch in Deutschland, auch in Zeiten vor der Flüchtlingswelle. Nur erleben wir es heute hautnah mit, sehen Live-Videos, hören die Schüsse und lesen Tweets von Betroffenen. Wir sind mittendrin, ohne wirklich dabei zu sein. Kein Wunder, dass man gerne einen Universal-Schuldigen hätte, jemanden, auf den man seinen ganzen Hass werfen kann. Aber so einfach ist das nicht. Denn auch wenn man leider eingestehen muss, dass einige der Taten von Flüchtlingen verübt wurden, sind es in Relation zu hunderttausend Unschuldigen zu wenige, um sie über einen Kamm scheren zu dürfen.

Ich möchte mit diesem Posting nichts verharmlosen und nicht sagen, dass auch nur eine Tat gerechtfertigt war. Ich habe Mitgefühl für die Menschen, die jemanden verloren haben. Aber ich bin mir auch bewusst, dass die Gefahr, in Deutschland an einem Anschlag zu sterben, immer noch sehr gering ist - und dass nicht alle Täter dieselben Hintergründe haben. Etwas, das ich zu wichtig finde, um nicht darüber zu schreiben. Denn am liebsten würde ich all die Leute an den Schultern packen, sie schütteln und ihnen zurufen: Hört auf, Feindbilder in Menschen zu sehen, die anders sind als ihr! Hört auf, Anteilnahme mit Hetze zu verwechseln und hört verdammt nochmal auf, euren Hass als Meinungsfreiheit zu verkaufen! Denn ganz genau das führt zu der Angst, die die Verursacher wollen. Und dank euch müssen sie nichts weiter tun, als zu warten, bis das nächste Gerücht das Netz in Atem hält.

Natürlich bin ich nicht die Erste, die so etwas schreibt - und hoffentlich auch nicht die Letzte. Denn bei all dieser Wut ist es wichtig, hin und wieder innezuhalten und nachzudenken. Sich bewusst zu werden, dass wir immer noch in einem verhältnismäßig stabilen, demokratischen Land leben und dass wir genau dafür dankbar sein dürfen - nicht ängstlich. Und in diesem Sinne verabschiede ich mich heute mal nicht als Jadeblüte, sondern sage:


Macht es gut,


P.S. Der Bloggeburtstag geht natürlich weiter. Aber nicht heute und nicht an dieser Stelle.

Kommentare:

  1. Sehr, sehr, sehr gut gesagt und ich bin exakt derselben Meinung wie du! Das hast du wirklich gut gesagt!

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    1. Vielen lieben Dank und ich freue mich, dass ich scheinbar die Gedanken so vieler Leser vertrete :)

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  2. Eigentlich verfolge ich deinen Blog nur im Stillen (dieses aber mit viel Spaß an deinen interessanten, informativen und immer stilvollen Beiträgen), aber heute muss ich einfach sagen: Du sprichst mir mit deinen Gedanken aus dem Herzen! Es ist so wichtig, dass bei all dem hitzig vor sich hinbrodelnden Gegeifere im Netz Stimmen der Vernunft und der differenzierten Betrachtungsweise wie die deine nicht verstummen. Danke dafür!

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    1. Ob stiller Leser oder nicht: Ich freue mich besonders bei solchen Beiträgen wirklich über jedes Lesen und jede Zustimmung. Denn wie du schreibst, ist es wichtig, zwischendurch mal ein wenig runterzukommen. Und den vielen Mails etc. nach, die mich erreicht haben, hat das für einige gut geklappt :)

      Viele Grüße

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  3. Ich kann dir nur zustimmen! Das hast du schön zusammen gefasst. lg

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  4. du findest wunderbare Worte.
    Auch ich werde mir keine Angst machen lassen. Ich möchte mich nicht verstecken - ich möchte leben. Und ich möchte in einer Welt ohne Fremdenhass und Bevormundung leben. Das ist natürlich utopisch, aber was es aktuell so an radikalen Strömungen überall auf der Welt gibt ist tatsächlich besorgniserregend.

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    1. Das finde ich so so unglaublich wichtig. Ich kenne leider inzwischen sehr viele liebe Freundinnen, die wahnsinnige Angst haben, jedes Mal weinen müssen, wenn sie einen Bericht sehen und am liebsten nie wieder die Wohnung verlassen wollen. Dabei ist genau das der falsche Weg und ich finde es wichtig, sich nicht zu verstecken.
      Und ja, leider ist es utopisch und die Entwicklung ist auch tatsächlich besorgniserregend :/ Nur genau deshalb muss man schauen, dass man so gut wie möglich dagegen ankommt. Und sei es nur als Individuum, um sein eigenes Leben nicht unter Terrorangst zu verbringen.

      Liebe Grüße

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  5. Danke Franzi für diesen Beitrag! Mir ist diese Entwicklung auch deutlich aufgefallen.
    Ich muss zugeben, dass ich mich nur noch selten mit social media beschäftige, mir ist die Lust vergangen. Vor allen Dingen in einer solchen Zeit, in der vermehrt "Meinungen" geäußert werden. Jetzt in den letzten Tagen habe ich Nachrichten geschaut und war auf Beauty Blogs unterwegs, das war's. Weil ich weiß, dass es gerade jetzt bei Twitter & Co nicht auszuhalten ist.
    Aber auch sonst, wenn nicht gerade über schlimme Ereignisse berichtet wird, wird sich das Maul zerrissen über jede Meldung und dann halt auch in frauenfeindlicher, sexistischer oder sonst einer diskriminierenden Art und Weise.

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    1. Ich kann dich so wahnsinnig gut verstehen und gerade das ist so traurig. Früher waren soziale Medien mal klasse, um halbwegs neutral auf dem aktuellen Stand zu bleiben, um ein paar Fakten abzugreifen und vielleicht mal den ein oder anderen emotionalen Bericht eines Opfers zu sehen. Aber heute schlägt dieser ganze Hass so um sich, dass ich manchmal abends das Laptop komplett ausmache, mein Handy beiseite lege und mich aufs Sofa setze, um in kompletter Stille zu nähen. Früher habe ich solche Ruhe zwar auch schon genossen, aber heute brauche ich sie regelrecht, um mich nicht selber die ganze Zeit zu ärgern. Wirklich schade.

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  6. Ich schließe mich den Meinungen an. Du hast das sehr gut geschrieben und ich finde mich darin sehr wieder.

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    1. Ich freu mich wirklich sehr, dass du das auch so siehst. Vielen Dank!

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  7. Dem kann ich nichts mehr hinzufügen. Prima!

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  8. Hi Franzi,
    toller Text. Genau so sehe ich das auch.

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    1. Ich freu mich wirklich über jede einzelne positive Stimme :) Vielen Dank!

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  9. Hallo,
    toller Beitrag! Passend zusammengefasst und auf den Punkt gebracht!
    Ich habe heute auch darüber nachgedacht, einen ähnlichen Beitrag online zu stellen. Ich konnte nur meine wirren Gedanken nicht sammeln.
    Ganz liebe Grüße
    Anke

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    1. Die wirren Gedanken zu sammeln, ist auch eine wahnsinnig schwierige Aufgabe. Etwas, das mich auch mehrere Stunden und sehr viele Löschungen gekostet hat, weil ich am liebsten alles herausgeschrieben hätte, was mir durch den Kopf geht - aber ich fürchte, da kommt niemand mit. Was wahrscheinlich sogar gut so ist.
      Wenn du irgendwann einen Ansatzpunkt gefunden hast, dann verlink mir den Beitrag sehr gerne oder teil ihn via meiner Facebookseite :) Denn es ist einfach wichtig, immer wieder daran erinnert zu werden, dass das keine Meinungsfreiheit ist.

      Viele Grüße

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  10. Das hast du sehr gut geschrieben!

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  11. Ein sehr gelungener Beitrag! Vielen Dank dafür!
    Ich finde den Punkt der Dankbarkeit für die verhältnismäßig ruhigen und sicheren Umstände, in denen wir hier leben, auch besonders wichtig. Es wird gern mal darüber gehetzt, dass unser politisches System ja ach so furchtbar sei. Eines der mMn größten Probleme daran ist aber die fehlende Wahlbeteiligung und damit darf sich dann jede_r an die eigene Nase fassen, wenn mal wieder etwas nicht gefällt.
    Fremdenfeindlichkeit war scheinbar schon immer eines der fundamentalsten Probleme der Menschheit... es ist anders, man versteht es nicht sofort... es macht Angst... Angst wird zu Hass. Anstatt sich verstehen zu wollen, wird gleich abgewertet. Das ist traurig, dramatisch und gefährlich!

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  12. Danke für deine treffenden Worte! Ich habe mich am letzten Wochenende auch so geärgert, da ich solche Kommentare nicht nur in der Onlinewelt, sondern auch im Familienkreis hören musste und finde das mehr als bedenklich :(

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  13. Ich habe Tränen in den Augen! Selten habe ich in der letzten Woche so einen vernünftigen und ausgeglichenen Post zu diesem Thema gelesen! Danke Dir!
    Diese Verurteilung von allem Fremden, die in Deutschland leider gerade wieder salonfähig wird, geht mir sehr ans Herz und macht mich unglaublich wütend! Es gibt kein ganzes Volk, das schlecht oder gut ist! Es sind mir die Einzelpersonen, egal ob in Deutschland, Syrien, Kosovo oder im afrikanischen Busch.
    Eigentlich dachte ich einmal, wir haben diese Lektion in Deutschland schon gelernt, aber offenbar habe ich mich getäuscht :-(

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  14. Ich habe Tränen in den Augen! Selten habe ich in der letzten Woche so einen vernünftigen und ausgeglichenen Post zu diesem Thema gelesen! Danke Dir!
    Diese Verurteilung von allem Fremden, die in Deutschland leider gerade wieder salonfähig wird, geht mir sehr ans Herz und macht mich unglaublich wütend! Es gibt kein ganzes Volk, das schlecht oder gut ist! Es sind mir die Einzelpersonen, egal ob in Deutschland, Syrien, Kosovo oder im afrikanischen Busch.
    Eigentlich dachte ich einmal, wir haben diese Lektion in Deutschland schon gelernt, aber offenbar habe ich mich getäuscht :-(

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  15. Danke! Mehr mag ich gar nicht sagen, einfach nur danke!

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  16. Wirklich super geschrieben, dem schließe ich mich vollkommen an.

    LG von http://schneegloeckchen21.blogspot.de/

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  17. Dem ist nichts hinzuzufügen!
    Sehr wichtiges Thema und du hast das wunderschön geschrieben!

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